Die Schönheit der Natur





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1.3 Ist "Schönheit"
ein Forschungsobjekt der Naturwissenschaften? 1.3.1
Schöne Lebewesen sind Gegenstand der Biologie!
Ich lasse mich auf ein Streitgespräch
mit einem Naturwissenschaftler ein.
- Ist es nicht an der Zeit, dass
sich die Biologen mit der Schönheit ihrer Forschungsobjekte
beschäftigen?, frage ich ihn. Schließlich ist diese
Schönheit ein Produkt der Natur - sie kann sich den Naturgesetzen
nicht entziehen. Weshalb sollte es nicht gelingen, mit den Methoden der
Biologie
heraus zu finden, weshalb Schmetterlinge schön sind?
Es muss erforscht werden, welche Ursachen hinter dieser Schönheit stecken und
welche biologischen Leistungen mit ihr verbunden sind.
- Die Wissenschaft kann über die Schönheit
nichts aussagen. Weshalb wollen Sie denn unbedingt die Schönheit,
dieses undurchsichtige Konzept, diesen windigen Begriff, einen
der schillernsten und umstrittensten überhaupt, in die
Naturwissenschaften einführen?
- Überall in der Natur begegnet uns
grandiose Schönheit, ja, die Natur scheint nach ästhetischen
Grundsätzen konstruiert zu sein; sie arbeitet wie eine
Künstlerin. Brauchen wir da nicht eine ästhetische
Einstellung, um sie zu verstehen?
- Wenn Sie Schmetterlinge "ästhetisch"
betrachten, müssen Sie von ihrer biologischen Existenz
absehen. Das Schönheitserlebnis ist eine fiktive Vorstellung,
eine Art Tagträumerei, ein genussvolles, aber unverbindliches
Spiel der Phantasie. Der Schönheitsblick ist falsch; er
sagt nichts über den Gegenstand aus. Durch solche Erlebnisse
gewinnt man keine biologischen Kenntnisse. Es wäre, naturwissenschaftlich
gesehen, sinnlos oder methodisch falsch, zu fragen, ob der eine
Falter "schön" und der andere "unschön"
ist.
Ich zeige auf einen herrlichen Schmetterling
mit orange-rot strahlenden Flügeln (Tafel 8). Aber mein Gegenüber
lässt sich nicht überzeugen:
- Es existieren verschiedene Geschmäcker.
Jeder findet etwas anderes schön; da können
Sie nicht erwarten, dass es allgemeingültige oder sogar
naturwissenschaftlich verwertbare Schönheitsregeln gibt.
- Deshalb ist die Schönheit in den
Naturwissenschaften nicht definiert?
- Eine naturwissenschaftliche Erkenntnis
ist nur dann objektiv, wenn sie lediglich durch das zu untersuchende
Objekt, nicht durch die Fehlerquelle der subjektiven Einflüsse
geprägt ist. Ein naturwissenschaftlicher Satz ist objektiv
wahr, wenn er die Objekte so darstellt, wie sie sind. Die im
Innern von uns ablaufenden Gefühlsvorgänge kann ich
nicht empirisch erfassen; sie sind für mich keine objektiv
gegebene Tatsache. Streng gesehen, müsste ich als Naturwissenschaftler
sogar fragen: Gibt es die von Ihnen behaupteten Gefühlsvorgänge
überhaupt?
Will er meine Schönheitserlebnisse bezweifeln?!
Beim gefühlsmäßigen Erleben handelt es sich um einmalige,
nicht beliebig wiederholbare Erlebnisse. Wir projizieren dabei unsere
Stimmungen, unsere Neigungen und persönlichen Ansichten in
die Außenwelt hinein und erfahren ein und denselben Gegenstand
verschieden. Nein, mit der Schönheit können Sie einem
gestandenen Naturwissenschaftler nicht kommen! Ist das sein
letztes Wort? Mehr hat er dazu nicht zu sagen?! Er will weder die Schönheit als
eine Eigenschaft eines Lebewesens, also als objektiven
Gegenstand, noch das Schönheitserlebnis,
also unser subjektives Empfinden der Schönheit beim Betrachten dieses Lebewesens,
in der biologischen Forschung zulassen. Viele Naturwissenschaftler
meinen, sie könnten die Natur von einem sicheren Beobachterposten
aus kühlen Herzens erforschen. Auf die schlichte Beobachtung,
auf eigene Wahrnehmungen und Erlebnisse, glauben Sie oft verzichten
zu können. Sie beurteilen den Wert einer Erkenntnis fast
ausschließlich danach, welche Rolle Zählen, Messen und
Wiegen bei ihrem Zustandekommen spielen. Eine solche Naturwissenschaft
ist unfähig, grundlegende Aspekte unserer Lebenswelt einzubeziehen
oder zu begreifen. Sie ist stumpfsinnig, ohne Gefühle und ohne
Emotionen, sie kennt nichts als das endlose, sinnlose Umhertreiben
der Materie. Auch mein Gesprächspartner lässt sich von
der Natur nicht ansprechen, nicht ergreifen, nicht in eine besondere
Stimmung versetzen - auf dieser emotionalen Ebene hat sie ihm nichts
zu sagen. Er stellt seine Fragen an die Natur in einer rationalen,
oft mathematisierten Weise; und die Natur antwortet ihm entsprechend.
- Wenn Sie die Natur naturgemäß
befragen würden, sage ich zu ihm, würde sie ihre Antworten
in ihrer natürlichen Sprache geben. Sie würde ihr
Wesen in Tönen, Düften und Gestalten, in der grenzenlosen
Vielfalt ihres unglaublichen Reichtums, eben ihrer erstaunlichen
Schönheit darbieten!
- Diese Methode wäre das Ende jeder
Wissenschaft. Diese Biologie wäre bestenfalls eine Botanik
aus betörenden Blütendüften oder eine Zoologie
aus bunten Schmetterlingsflügeln.
Kann der nach Erkenntnis
ringende Geist seine Erkenntnisse dadurch objektiver machen,
dass er bewusst von seiner Individualität absieht und versucht,
sich so weit wie möglich aus dem Prozess herauszuhalten?
Selbst der um größte Objektivität bemühte
Wissenschaftler, kann beim Beobachten seiner Objekte gefühlsmäßige
Erlebnisse nicht vollständig ausschließen. Wahrscheinlich
sind diese Emotionen sogar notwendig, damit unser sog. rationales
Erkennen eine Richtung gewiesen bekommt. Jedenfalls gibt es
kein Naturverständnis ohne subjektive Komponente. Der beobachtende,
denkende und fühlende Mensch ist der Träger der Naturwissenschaften!
Rationale Abläufe und körperlich-ästhetische
Empfindsamkeiten dürfen nicht getrennt werden.
"Sie müssen bereit sein, Ihre Umwelt
wieder sinnlich zu spüren, wieder zu fühlen, dass auch
Sie diese Natur sind und zu ihr gehören. Sie müssen selbst
teilnehmen an dem unermesslichen Spiel der Formen und Farben des
Werdens und Vergehens!", möchte ich dem Biologen zurufen.
Ich bin mir sicher, dass das Schönheitsempfinden in der Biologie
eine ebenso wichtige Rolle spielen muss wie das logische Denken,
weil dieses nicht ausreicht, die Realität zu überblicken.
So kann man durch ein Schönheitserlebnis etwas über die
Natur erfahren, was sonst verborgen bliebe.
- Unser Schönheitsgefühl
gibt uns Auskunft über den Grad der Komplexität, des
Ordnungszustandes, der Harmonie und der Symmetrie
eines Natur-Gegenstandes, sage ich. Ästhetische Erfahrung
ist eine besondere Art von Erkenntnis, eine besondere Form des
Verstehens, die uns Wesentliches oder Grundsätzliches vermittelt.
- Den Wahrheitsgehalt einer naturwissenschaftlichen
Theorie können Sie mit dem Schönheitsempfinden nicht
beweisen oder widerlegen. Was sollte auch Schönheit mit
Wahrheit zu tun haben? Zum Begründen oder Erklären
taugt die Ästhetik nicht.
- So unterschiedlich, wie Sie glauben,
sind biologisches und ästhetisches Vorgehen gar nicht.
Beide gehen vom Objekt aus und gewinnen induktive Erkenntnisse
... Wie dem aber auch sein mag und so viele Schwierigkeiten
und Irrtümer es auch geben mag - eines können
wir nicht: die Schönheit der Natur einfach ignorieren,
ausklammern oder sie lediglich zur Kenntnis nehmen.
Die
Biologie muss alles in der lebenden Natur zum Gegenstand ihrer Forschung
machen - also auch die
Schönheit der Lebewesen !
Falls es eine objektivierbare Schönheit der Schmetterlinge
gibt, muss die Biologie um ihre Existenz wissen und sie erforschen.
Falls es keine solche Schönheit gibt, darf die Wissenschaft
sie als Ausgeburt der Phantasie ignorieren. Sie sollte dann
aber auch konsequenterweise bei der Beschreibung der Naturobjekte
auf die Wörter "schön" und "Schönheit"
verzichten.
©1998-2002 Peter Grießmann
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