Die Schönheit
der Natur

 

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Vorwort

Ganz sicher haben Sie schon einmal etwas schön gefunden - ein Bild oder ein Gesicht oderMonarchfalter vielleicht eine Blume oder ähnliches. Vielleicht waren Sie sogar begeistert, hingerissen von der Schönheit eines Sonnenuntergangs, eines blühenden Baumes oder eines Schmetterlings? Aber - haben Sie sich auch gefragt, warum das alles schön ist? Falls ja: Können Sie eine Antwort geben? Können Sie die Frage beantworten, weshalb Lebewesen schön sind?
Den Anstoß, mich intensiver um dieses Schönheitsgeheimnis zu kümmern, gab eine Reise in die Tropen, auf der ich die geballte Pracht von Blüten, Vögeln und Insekten erlebte. Nach diesem elementaren Schönheitsbad wollte ich unbedingt das Rätsel lösen, was das ist, was uns da so mächtig packt, was uns nicht gleichgültig lässt. Ich wollte herausfinden, weshalb Schmetterlinge schön sind respektive, weshalb wir sie schön finden. "Und warum gerade Schmetterlinge...?" Nun, es könnten auch Blumen oder Korallenfische sein. Die Schmetterlinge flattern hier nur stellvertretend für alle Schönheiten der belebten Natur. Ob Schmetterlinge oder Paradiesvögel - immer wieder stehen wir staunend vor diesen grandiosen Wundern, die uns den Atem verschlagen, und wissen keine Antwort auf die unausgesprochene Frage nach den Ursachen dieser Faszination.
Das ist nicht erstaunlich, denn solche Fragen werden normalerweise nicht gestellt, geschweige denn beantwortet. Die Ungewissheit angesichts der Frage, ob und warum etwas schön ist, scheint aber die meisten nicht besonders zu bedrücken. Konrad Lorenz schrieb in einem Essay: "... und wenn Sie das Wort (...) 'schön' heute in den Mund nehmen, laufen Sie Gefahr, dass man glaubt, dass Sie eine tote oder ausgestorbene Sprache sprechen." und Carl Friedrich von Weizsäcker vermutete: "Unsere Zeit misstraut dem Schönen. Nicht von ihm will sie sich erschüttern lassen, seine Seligkeit glaubt sie ihm nicht."
"Ein Buch über die Schönheit der Natur ...?!", höre ich denn auch schon den einen oder anderen belustigt, kopfschüttelnd oder vielleicht gar entrüstet fragen und hinzufügen: "Es gibt doch, weiß Gott, im Moment genug andere Probleme!" Die gibt es. Aber es gibt auch dieses Problem. Es geht um die Hintergründe der Schönheit der Lebewesen, und es geht gleichzeitig um das Rätsel unseres Schönheitsempfindens, eines der erstaunlichsten menschlichen Fähigkeiten überhaupt. Und beide Phänomene sind erklärungsbedürftig.
Nach der Ankündigung meines Vorhabens bekam ich im Bekanntenkreis manche Skepsis zu spüren. Die naturwissenschaftlich Interessierten sagten: "Du wirst forschen müssen. Was du dir vorgenommen hast, ist ein Problem für ein ganzes Team mit viel Geld und einer kompletten Laborausrüstung." Die geisteswissenschaftliche Richtung meinte: "Die Schönheit ist eines der komplexesten, schwierigsten Themen überhaupt; es ist ein ungelöstes, wenn nicht gar unlösbares, Problem, an dem sich schon ganze Philosophengenerationen die Zähne aus gebissen haben. Und nun gar noch die Schönheit der Lebewesen!" Ein Freund gab zu bedenken: "Es handelt sich doch nicht nur um ein im schönen Objekt liegendes Problem. Schönheit wird uns erst in einem subjektiven Erlebnis bewusst. Die Schönheiten der Natur können nicht - wie andere Eigenschaften eines Lebewesens - mit herkömmlichen naturwissenschaftlichen Methoden erforscht werden. Der Zugang zu ihrem Verständnis ist erschwert: Schönheit lässt sich weniger quantitativ messend und wägend, wenn überhaupt, beschreibend-qualitativ erschließen." Natürlich hatten sie alle recht. Schönheit lässt sich besser erleben als enträtseln. Schönheit erklären zu wollen, ist ein Wagnis. Aber einfach nur zu sagen: "Das Staunen vor dem Schönen braucht keine Erklärung." ist zu wenig.
"Gibt es denn nicht schon genügend Literatur zu diesem Thema?" Die Antwort heißt: "Nein." Es existieren tausende von Werken über die Schönheit an sich oder die von Kunstwerken, aber kaum eines über die Schönheit der Naturwerke. Ich habe nicht ein einziges modernes Buch, das sich ausschließlich oder umfassend mit der Frage, warum Lebewesen schön sind, beschäftigt, gefunden. Wir wissen (oder glauben zu wissen), wie groß die Masse des gesamten Universums ist, aber wir wissen nichts über Naturschönheit. Nicht, daß nicht allerorten von dieser Schönheit (besonders in Romanen und Filmen oder in Bildbänden) die Rede ist, aber kaum jemand kümmert sich um die Ursachen dieses Phänomens. Viele bemerken die Pracht und Eleganz in der Natur schon gar nicht mehr, weil sie sich in der Rationalität des Alltags erschöpfen. Andere meinen, diese Schönheit sei es nicht wert, hinterfragt zu werden. Unsere Liebe zur Natur aber stirbt mit der Unfähigkeit der unmittelbaren Wahrnehmung. Es ist notwendig, die Mit-Lebewesen zu achten, und die (gar nicht hoch genug anzusetzende) menschliche Fähigkeit des Sich-Wunderns über diese Art von Schönheit zu bewahren oder zu entwickeln. Wir können nur dann lebenswert überleben, wenn wir gemeinsam mit den Schmetterlingen überdauern,
und uns die Fähigkeit erhalten, über die Entstehung und Schönheit der Lebewesen zu staunen und nachzudenken. Sonst droht uns nicht nur der Verlust der uns umgebenden schönen Natur, sondern auch der Verlust dieser Schönheit in uns.
Bei dem Thema "Naturschönheit" handelt es sich also nicht um ein unwichtiges, sondern um ein z.Zt. noch verdrängtes Thema. Es gibt Indizien, die vermuten lassen, dass sich unser Verhältnis zu dieser Schönheit ändern wird. Ein starkes, unbewusstes Bedürfnis lässt sich nicht auf längere Dauer unterdrücken. So berichten Sporttaucher begeistert von den Wundern der Korallenriffe; Naturbildbände finden vorwiegend aus ästhetischen Gründen Käufer. Millionenfach werden - wenn auch nicht die Wunder der Naturschönheit, so doch - die mathematischen "Wunder" der fraktalen Schönheit bestaunt. Doch hier besteht ein Trend, sich einer Pseudoästhetik zuzuwenden; die "simulierte Ästhetik" ist leichter verfügbar als die "natürliche".
"Jetzt wird nun also auch noch die Schönheit der Natur untersucht ...!", werden einige seufzen: "Das letzte aller Geheimnisse. Bleibt denn nichts vor dem Zugriff der Menschen verschont?".
Gehören Sie auch zu denjenigen, die von sich sagen können: "Wenn ich etwas wissen will, dann will ich es wissen. Da hält mich so gut wie nichts davon ab zu suchen, bis ich es herausgefunden habe."? Falls ja, sollten wir uns gemeinsam auf die Suche begeben - nach den biologischen und informationstheoretischen, den psychologischen und kulturellen Wurzeln der Schönheit der Schmetterlinge!

Peter Grießmann

©2002, B. Grießmann